Bruno Kramm: Offener Brief an Hans Söllner

„Lieber Hans,

Ich weiß nicht, wer Dir so viele Lügen über die Piraten aufgetischt hat, das Du so schnell vom Piratenunterstützer zum Piratengegner wirst und uns als dumpfe Diebesbande siehst.
Zuerst das allgemeine Argument, wir würden nur mit Protestthemen Stimmen fangen wollen. Es ist schon traurig, wenn Protest gegen Ungerechtigkeit als Stimmenfang wahr genommen wird. Natürlich ist das aber immer das Standardargument all jener, die das System nicht ändern wollen. Du kannst Dich sicher auch an die Zeit erinnern, als Konzerte von Dir durch CSU Stadtratsabgeordnete verhindert wurden und Dir populistisches Anstiften von Jugendlichen zum Kiffen vorgeworfen wurde, obwohl Du das nie getan hast.
Dir ging es um Freiheit und die Befreiung von unsinnigen Drogengesetzen, die ein friedfertiges Kraut kriminalisieren, während der so gefährliche Alkoholkonsum als bayerisches Lebensgefühl verniedlicht wird.
Insofern kennst Du ja die Medienmethoden, unbequeme Themen zu diskreditieren.
Und genau das ist jetzt mit unserer Urheberrechtsreform gemacht worden.
Es geht hier nicht um das Abschaffen des Rechtes der Urheber, von Ihrer Musik leben zu können. Es geht nicht darum, Gratiskultur und Geiz auf Kosten von Kultur schaffenden zu fördern.
Es geht schlicht um die Verhältnismäßigkeit, mit welcher Rechte im Internet eingehegt werden und damit langfristig wirkliche Freiheit und Bürgerrechte gefährden. Es ist ein schmaler Grad zwischen dem was Leute wie Gorny vom Bundesverband der Musikindustrie fordern und einer Totalüberwachung im Netz. Ich verharmlose nicht, denn genau solche Dinge sollten durch die Hintertür mit ACTA eingeführt werden.

Es geht darum, das neue Verkaufs- und Auswahlmodelle im Netz her müssen, sei es für Musik, Filme und alle anderen Kulturschöpfungen. Diese Angebote müssen nicht nur der gewohnten Mediennutzung entsprechen, sondern auch frei portierbar ohne Nutzungs begrenzende DRM Massnahmen verfügbar sein. Noch viel wichtiger ist: Es geht darum, hierfür Bereitschaft zu fördern, indem man auf das Vertrauen zwischen Künstler und seinem Zuhörer baut. Es geht um den uralten Pakt, in dem Menschen Dinge honorieren möchten, die ihnen etwas bedeuten. Das bedeutet sicher für viele der Massenkulturprodukte vom Reißbrett einen Abschied von alten Verwertungsmodellen. Das bedeutet auch, das es in jedem System Missbrauch geben wird. Damit meine ich all die unfairen kommerziellen Filehoster, aber auch jene Datenmessies, die wie im Bulimierausch nur noch damit beschäftigt sind alles auf ihre Platte zu raffen, ohne noch die Muse und Zeit zu finden, sich das Geladene zu Gemüte zu führen. Glaubst Du wirklich, das dieser Datenmessie Dich als Musiker schädigt, wenn er Deine Songs in irgendeinem Winkel seiner Terabytesammlungen speichert, ohne sie je wirklich zu geniessen? Und jene, die Deine Songs nicht bezahlen, Sie trotzdem lieben, werden sicher auf eines Deiner Konzerte gehen und dann feststellen: „Der Söllner ist so geil, ich will seine Original CDs mit Autogramm direkt ins Regal neben die Bong stellen.“

„Kultur muss und will zuerst zirkulieren – dann müssen wir über die Honorierung nachdenken und nicht umgekehrt.“ Keinen Schreck bekommen, dies ist keine Aufforderung zur Gratiskultur. Dieser Satz stammt nicht von einem Piraten, sondern vom deutschen Kulturrat Olaf Zimmermann, einem ausgemachten Kulturförderer und wichtigstem Mittler zwischen Politik und Verbänden.

Die Lüge vom Einbruch der Verkaufszahlen wegen der illegalen Downloads wurde in unzähligen Studien widerlegt, die mail ich Dir sehr gerne zu. Du weisst wahrscheinlich selbst, wie schmal das statistische Fenster der Brennerstudie ist, die nur Industrienabelschau betreibt, wenn sie vom apokalyptischen Einbruch der Verkaufszahlen spricht.

Der große Arno Schmidt stellte bereits letztes Jahrhundert konsterniert fest, das ein Mensch in seinem Leben selten mehr als 3000 Bücher lesen könnte, was nicht einmal mehr das Repertoire der gesamten Hochliteratur ausmacht,
Noch nie gab es so viele Konsumgüter und kulturelle Schöpfungen, wie heute und die Tendenz ist steigend, denn die Vertriebswege und Produktionsmittel sind endlich demokratisiert und für jedermann zugänglich.
Alle drängen auf einen Markt. Hierfür braucht der jetzt umso mehr geschätzte Konsument nicht nur neue Werkzeuge um zu selektieren und zu entscheiden, welche Werke wirklich einen Kauf rechtfertigen, sondern es geht auch um die von Arno Schmidt formulierte Aufmerksamkeitsökonomie. Die traurige Wahrheit ist nämlich auch: Wir bräuchten die Reinkarnation, um all die wundervollen Werke zu hören, lesen, sehen, schmecken und begreifen zu können.

Ich schreibe Dir das in wenigen Zeilen, in der Hoffnung alles weitere in einem persönlichen Gespräch erläutern zu können.
Noch soviel zum Schluss: Ich selbst lebe seit 25 Jahren von meiner Musik im Underground. Das Internet hat mir geholfen, auch ohne riesige Budgets weltweit unterwegs zu sein.

Ich wäre saublöd, wenn ich meine eigene Grundlage zerstören würde,

Mit musikalischen Grüßen,

Bruno Kramm“

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