Neue CD – SATYRICON „Satyricon“

Die Annalen des Rock ’n‘ Rolls sind voll von Klischees und Aberglaube, von ikonischen Referenzen wie dem berühmten „dritten Album“ – oder dem selbstbetitelten. Was das „dritte“ anbelangt, haben Norwegens Black-Metal-Meister Satyricon mit „Nemesis Divina“ ohne Zweifel etwas Außergewöhnliches abgeliefert: Im Jahre 1996 positionierten sie sich damit im Zentrum eines der interessantesten Genres des Metal – zu einer Zeit, als diese Bewegung zweifellos ihren frühen kreativen Höhepunkt erreichte. Das „selbstbetitelte Album“ ist jenes, das wir nun, fast fünf Jahre nach ihrem letzten Werk „The Age Of Nero“, in den Händen halten. Es schlicht und ergreifend „Satyricon“ zu nennen, ist eine Geste des Selbstvertrauens, an dem es dem kreativen Mastermind der Band, Satyr, noch nie gemangelt hat. Man könnte nun fragen: Was hat sich zwischen „The Age Of Nero“ und „Satyricon“ verändert?
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Es hat sich einiges verändert, doch diese Frage überhaupt zu stellen, verfehlt das Wesentliche. Viel wichtiger ist, was sich nicht verändert hat – und das ist etwas, was man normalerweise nicht von einer erfahrenen Band erwarten würde, die einmal um den Globus getourt ist: Es ist der Hunger. Der Hunger, an Orte zu gehen, an denen zuvor noch niemand gewesen ist. Der Hunger, der den Status quo, der sich mit der Routine einer 20-jährigen Karriere einstellt, mit einer Setlist von neuen „Hit-Songs“ auslöscht, die ihre Armee von Fans problemlos für mindestens weitere 20 Jahre zufrieden stellen sollte. Der Hunger, aus der Zerstörung des Alten neue Ideen zu kreieren. „Nichts anderes zählt“, sagt Satyr über den Gedankenprozess, der letzten Endes zum herausforderndsten, aber auch bereicherndsten Satyricon-Album überhaupt führte. Sein Fokus war diesmal der gleiche, der sich auch als fruchtbar für das 2006er „Now, Diabolical“ erwiesen hatte: Unterwirf dich einem klaren Regelwerk. Wenn Technologie grenzenlose musikalische Möglichkeiten bietet, fließt das Ergebnis oft in den typischen Resultaten zusammen. Diese Einsicht führte Satyr zu einer radikalen Lösung: Komplett analoge Produktion mit einem absoluten Minimum an Sound-Processing – er nutzte nicht mal ein Effect-Pedal für seine Gitarre. Das Resultat ist ein dynamischer und musikalischer Sound und die erste offensichtliche Herausforderung für den Zuhörer: Das ist Black Metal, der es dem Rest der Welt nicht ins Gesicht zu schreien braucht.
 
Zugegeben, wenn man „Phoenix“ hört, den Song mit Sivert Høyem, dem ehemaligen Sänger des in Norwegen gefeierten Indie-Acts Madrugada, oder besser gesagt: den Song, den Satyr eigens für Sivert Høyem geschrieben hat, würde man es vermutlich nicht Black Metal nennen. Freilich nur dann, wenn man in die Falle trappt, aus musikalischen Formeln Genres abzuleiten – und das war von Anfang an nie Satyricons Stil.
Dieser Song ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich Satyr von Hunger und Instinkt leiten ließ: Er saß einfach nur vor seinem Fernseher, wo Sivert einen seiner Songs performte. Er lauschte, er wusste, und er setzte es in die Tat um. Fragt nicht nach Gründen, denn Black Metal folgt keinen Gründen und sollte auch keinen Regeln folgen.
 
Der einzige Punkt, in dem dieses Album in Einklang ist mit den üblichen Vorurteilen gegenüber Black Metal, ist Satyrs Arbeitsweise: Eine entlegene Hütte in den Wäldern, ein Mann, seine Vision und seine Gitarre. Was letztlich nichts darüber aussagt, was dieses Album so einzigartig macht. Man stelle sich den Prozess vor: Zuerst das Aufnahme-Equipment an diesen Ort bringen, dann die nächsten sechs Monate in völliger Isolation verbringen, um zum Kern der Dinge vorzudringen; jene zehn Songs, die ein größeres musikalisches Spektrum abdecken denn je, ohne dabei den Fokus zu verlieren. Der Entschluss, alles abzuweisen, was „nur seinen Job tun“ heißt – selbst wenn das bedeutet, noch mehr unbestimmte Zeit fernab der Annehmlichkeiten des Lebens zu verbringen. Man muss nur „The Infinity Of Time And Space“ hören, Satyrs Magnum Opus auf diesem Album, das im Prinzip alles auf den Punkt bringt: Die offensichtliche Wurzel all dessen, was großartig ist in seinen bisherigen Werken, die Folge von aufregenden überraschenden Breaks, die eine neue Erzählung für die alten Themen formen, eine, die so viel tiefer zum Kern des großen Ganzen vordringt, weit hinaus über die typischen Gebärden, billigen Effekte oder komplizierten, übermäßig technischen Angebereien, die wir alle so gewohnt sind. Pure Schwärze, perfekt ausgeführt.
 
Auch die andere große Überraschung des Albums sollte man nicht vergessen: und zwar, was Frost – zweifellos einer der ikonischsten Drummer im Black Metal – zu diesem neuen Album beiträgt. Natürlich blastet er immer noch mit den Besten der Besten, doch das ist eigentlich schon nicht mehr relevant. Seine Zurückhaltung, seine intuitive Art, nichts zu tun, in der absoluten Gewissheit, dass die runtergebrochene Atmosphäre dieser Songs uns, die Zuhörer, in permanente Spannung versetzt. Es gibt mehr als genug faust-pumpende Momente auf diesem Album, doch der wahre Gewinn ist der gleiche wie der, den Satyr und Frost verspürten, als sie die Musik kreierten: Wenn wir unsere Komfortzone verlassen und spüren, dass der Hunger nach etwas Neuem noch immer da ist. Und uns lebendig fühlen.
 
„Satyricon“ als Ganzes ist sicher eine fordernde Erfahrung für den Hörer – und genau so wollte es Satyr auch: „Es wird viele, viele Durchläufe brauchen und es wird in dir wachsen, während du immer tiefer hineintauchst“, verspricht er. „Für mich ist das die faszinierendste Eigenschaft des Albums. Ich denke, wir haben etwas erschaffen, das sehr lange bestehen wird.“ Und da haben wir sie doch: Die wichtigste Begründung dafür, dieses Album schlicht und ergreifend „Satyricon“ zu nennen.

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